BGSD Logo

 

 

BGSD Logo


Gesundheit

Artikel aus der DaSchauHör 3/4 (1997)

Herbst ´97 in einem Hotel in Barcelona: Konferenz von EFSLI (European Forum of Sign Language Interpreters). Auf dem Podium eine Kollegin, ca. Ende 30, beide Unterarme in Schienen. Sie erzählt von großen Schmerzen, Spießrutenlaufen bei ÄrztInnen und von Berufsunfähigkeit. Im Publikum - so wird mir plötzlich bewußt - etliche KollegInnen, die ebenfalls Bandagen tragen. Mir fällt ein, daß mir schon jemand von solchen Schmerzen erzählte. Meine Reaktion darauf? „So ein Quatsch. Ich gebärde schon ewig und habe - wie die Gehörlosen ja auch - keinerlei Schmerzen.“ Aber da sitze ich nun und muß zu allem Überfluß an ein gelegentliches Ziehen im Arm und meine Verspannungen im Schulterbereich denken. Es ist wohl doch nicht so leicht abzutun wie ich dachte, also beginne ich mit der Recherche:

RSI = R asend S chnelle I nvalidität?

RSI steht für Repetitive Strain Injury, also Beschwerden durch wiederholte einseitige Belastung. Das ist zunächst ein allgemeiner Begriff, wird aber im Folgenden nur für die Beschwerden von GebärdensprachdolmetscherInnen verwendet.

Unser Beruf stellt kognitiv, psychologisch und körperlich hohe Anforderungen. Letztere ergeben sich u.a. aus dem fremdbestimmten Tempo, dauerndem Sitzen oder Stehen, statischer Belastung von Hals, Schultern und oberem Rücken sowie extrem schneller Bewegung von Fingern und Handgelenken. Eine dänische Untersuchung ergab, daß GS-DolmetscherInnen pro Stunde 3.300mal ihre Handgelenke drehen oder beugen, 5.600 Fingerbewegungen machen und 3500mal die Ellenbogengelenke drehen! Dabei sind die Arme nur 6% der Zeit entspannt, was 3 ½ Minuten pro Stunde entspricht.

Statistiken aus anderen Ländern zeigen ein Horrorszenario. Hauptberuflich arbeitende GS-DolmetscherInnen in Schweden gaben zu 88% an, innerhalb der letzten 12 Monate Beschwerden in den Schultern und/oder im Nacken und den Schultergelenken gehabt zu haben, 20% waren arbeitsunfähig und 33% hatten Magenprobleme, die sie auf ihren Beruf zurückführten. In den USA waren 25% der Befragten arbeitsunfähig, 50% konnten nur begrenzte Zeit unter Schmerzen (kribbelnde, gefühllose Hände, Schmerzen im Unterarm, Ellenbogen und in der Schulter) arbeiten und 25% klagten über leichte Schmerzen.

Woraus ergibt sich dieses erschreckende Bild? Die Art der Bewegungen von GS-DolmetscherInnen ist einseitig und wiederholt ( ähnlich wie die von StenotypistInnen und FließbandarbeiterInnen). Probleme ergeben sich hierbei aus folgenden Charakteristika: viele Bewegungen ohne Pausen, dauerhaft erhobene Arme, hohe Feinkoordination, hohes Tempo, hohe Aufmerksamkeit und Konzentration sowie hohe Präzision. Einseitige, wiederholte Arbeit kann zu folgenden Beschwerden führen:

  • Nacken-, Schulter- und Armbeschwerden
  • Sehnenscheiden- und Muskelentzündungen
  • Abklemmung der Nerven in den Handgelenken
  • Irritationen der Schultermuskeln
  • Abklemmung der Armnerven und Gefäße an Schultern und Hals

All diese Beschwerden können extrem schmerzhaft werden, zum Teil zu Taubheitsgefühlen führen und sind meist nur durch völlige Ruhigstellung zu lindern, tauchen aber schnell wieder auf. Was das für GS-DolmetscherInnen bedeutet, kann sich jedeR vorstellen. Trotzdem sei an dieser Stelle nochmal auf die britische Kollegin hingewiesen, die seit fast einem Jahr arbeitsunfähig ist und zeitweilig nicht einmal die Seiten eines Buches umblättern konnte ohne fürchterliche Schmerzen zu haben.

Entstehung, Entwicklung und Schwere der körperlichen Schäden durch repetitive Arbeit hängen von diversen Faktoren ab: von der Zeit, während derer man den Belastungen ausgesetzt ist (Stunden pro Tag, Pausen, Ruhezeit), von der Geschwindigkeit der Bewegungen und dem Ausmaß ihrer Fremdbestimmtheit, von äußerlichen Streßfaktoren, die zusätzliche Muskelaktivitäten auslösen können, von der Einrichtung des Arbeitsplatzes und von der eigenen körperlichen Verfassung und Toleranz gegenüber Arbeitsbelastungen.

Zur Zeit, während derer man den Belastungen ausgesetzt ist: Nach ca. einer Stunde GS-Dolmetschen setzt muskuläre Erschöpfung ein. Muskeln brauchen viel Ruhe, um sich zu erholen und bei größerer Erschöpfung steigt die benötigte Ruhezeit exponentiell an, das bedeutet, daß völliges Verausgaben unverhältnismäßig lange Erholung braucht. Schwedische Arbeitsphysiologen empfehlen allgemein für repetitive Arbeit eine maximale Arbeitszeit von 4 Stunden dieser Tätigkeit pro Tag, maximal eine Stunde ohne Pause und mindestens 15 Minuten Pausenzeit pro Arbeitsstunde (dabei müssen 5 Minuten völlige Pause sein). Für GS-DolmetscherInnen ist dabei auch ein Wechsel zwischen verschiedenen Anforderungsniveaus und das Nutzen von Minipausen zur Kurzzeitentspannung (bei Sprechpausen u.ä. Arme herunter nehmen und entspannen) wichtig.

Die Geschwindigkeit der Bewegungen ist extrem hoch (siehe oben). Da eine Selbstregulation der Geschwindigkeit nur in sehr wenigen Dolmetschsituationen möglich ist, ist eine Aufklärung der Personen, die häufig Dolmetschdienste in Anspruch nehmen sehr wichtig (bezüglich Redegeschwindigkeit, Pausen, Gesprächsdisziplin etc.). Außerdem spielt auch die Weiterbildung in Fachgebärden eine große Rolle, da durch Gebrauch derselben Streß (psychischer Streß und Zeitverzögerung durch Buchstabieren) vermieden wird.

Zu den äußeren Streßfaktoren zählen undeutliches Sprechen bzw. Gebärden der zu Dolmetschenden, schlechte akustische oder Sichtverhältnisse, ungünstige Position des/der DolmetscherIn, schwieriges Niveau des Textes, fehlendes Wissen über Vorangegangenes, beteiligte Personen, Inhalt etc. und psychische Belastungen durch die Situation (z.B. Therapie, AIDS, Streit)

Problematisch bei der Einrichtung des Arbeitsplatzes ist, daß sich GS-DolmetscherInnen oft mit dem Rücken zur SprecherIn bzw. zu den ZuhörerInnen befinden. Wesentlich ist, darauf zu achten, daß man einen guten Überblick hat, frei beweglich ist und nicht im Zugwind oder bei Kälte arbeitet.

Ein guter Stuhl beim Dolmetschen sollte folgende Kriterien erfüllen: höhenverstellbar, drehbar (damit man nicht den Kopf, sondern den Körper dreht und so eine Belastung für den Rücken und Nacken vermeidet), gut einzustellen, gepolsterte Rückenlehne, gepolsterter Sitz mit abgerundeter Vorderkante und keine Armlehnen.

Auch die körperliche Kondition der Dolmetschenden spielt eine große Rolle. Sie sollte insgesamt gut sein, damit man ausdauernder ist. Allgemein empfehlenswert ist Gymnastik bzw. Muskelaufbautraining, Aufwärmen und gezielte Entspannung (z.B. durch Stretching). Immens wichtig ist auch die richtige Dolmetschtechnik: auf zu große Anschlagsweite der Finger und Handgelenke achten, Schultern nicht hochziehen, richtig Sitzen/Stehen, Position immer wieder leicht ändern und Minipausen machen (Siehe dazu auch die Videoempfehlungen in dieser Da Schau Hör ).

Zusammenfassend kann man folgende Empfehlungen zur Vermeidung von RSI bei GS-DolmetscherInnen geben:

  • maximal vier Stunden Dolmetschzeit pro Tag und maximal 20 Stunden pro Woche
  • bei mehr als einer Stunde durchgehender Einsatzzeit Dolmetschen im Zweierteam
  • zehn Minuten Pause pro Stunde, wenn man allein arbeitet
  • wechselndes Beanspruchungsniveau (körperlich und seelisch)
  • ausreichende Ruhepausen zwischen den Einsätzen
  • richtige Arbeitstechniken üben (sitzen, stehen, sprechen und gebärden)
  • Aufwärm- und Entspannungsübungen bei Einsätzen machen
  • gute Stühle (s.o)
  • ausreichend Vorinformation zu Aufträgen
  • gute Aus- und Weiterbildung
  • „Wegweiser“ für Hörende und Gehörlose geben, die Dolmetschdienste in Anspruch nehmen
  • regelmäßige Treffen von DolmetscherInnen, um Probleme zu besprechen und sich auszutauschen.

Dies ist eine lange Liste, aber die Umsetzung all dessen lohnt sich, wie man in Dänemark beobachtete (wo die GS-DolmetscherInnen vom Staat beschäftigt werden und nun ausschließlich nach diesen Empfehlungen arbeiten): während bereits Erkrankte nur Linderung, aber kaum Heilung erfuhren, traten bei den DolmetscherInnen, die von Anfang an nach den Empfehlungen arbeiteten, kaum Beschwerden auf.

Fazit : Alle dies ist wichtig, denn nur gesunde GS-DolmetscherInnen können davon und damit leben und gute Qualität bringen!

Quellen:

  • diverse Vorträge im Rahmen der EFLSI-Konferenz in Barcelona 1996
  • A.S. Simmelkiaer, „Ein ergonomischer Rundgang durch das Arbeitsmilieu der Gebärdensprachdolmetscher“, 1993 (erhältlich in der DLZ)
  • Ergonomie-Skript der TU München
  • diverse Nachschlagewerke der Medizin

Sabine Goßner

Weitere Infos zum Thema unter: http://www.repetitive-strain-injury.de

nach oben

 

 

 

Navigation Beruf
Kontakt
Ziele und Aufgaben
Aktuelles
Unser Beruf
Links